1938/39: Das ist aus Ihnen geworden

 

FC-History Special

Die Story zum Foto der Gerolzhöfer Meister-Elf von 1939

Die halbe Mannschaft bleibt im Krieg und dennoch: Der Fußball kehrt zurück

Auf abenteuerliche Art und Weise war der FC Gerolzhofen, wie berichtet, in den Besitz eines Fotos gelangt, das die Meistermannschaft der Saison 1938/1939 zeigt. Nicht minder spannend gestalteten sich die Bemühungen, herauszufinden, welche Spieler und Funktionäre darauf abgelichtet sind. Zahlreiche Leser gaben bei der Zeitreise zurück in die Jahre des Zweiten Weltkrieges wertvolle Hinweise, bis sich das Puzzle zu einem fertigen Bild zusammengefügt hatte.
Die traurigste Erkenntnis vorweg: Fünf der elf damaligen Spieler sind im Zweiten Weltkrieg gefallen. Der erste noch im Jahr der Meisterschaft. Die Kameraden, die den Krieg überlebten, sind inzwischen ebenfalls alle bereits gestorben.
Was ist aus den Spielern und Funktionären im einzelnen geworden?

Hans Pfannes
Traurige Berühmtheit erlangte Hans Pfannes
(Jahrgang 1916). Er war der erste Gerolzhöfer
Soldat, dem der Zweite Weltkrieg das Leben kostete.
Auf dem Kriegerdenkmal der Stadt (Foto) in der
Volkachaue prangt sein Name auf der Tafel für das
Jahr 1939 ganz oben. Gerade mal ein Jahr war
zwischen seinem Tod und dem Tag vergangen, an
dem er sich mit seinen damaligen Kameraden in
Iphofen zum Mannschaftsfoto gestellt hatte. Nur
wenige Monate lagen zwischen der Meisterschaft
und seinem Lebensende (01.09.1939 in Polen).


Von Schweinfurt aus war Hans Pfannes mit einer Panzereinheit in den von Hitler am 31. August 1939 ausgerufenen Polenfeldzug ausgerückt. Bevölkerung und Angehörige winkten der Einheit zum Abschied. Die Schwägerin von Hans Pfannes, Karolina Maria Ankenbrand, ahnte, wie sie sich erinnert, nichts Gutes und sollte mit ihrer Aussage „ich glaube, wir sehen ihn nicht mehr wieder“ Recht behalten. Die Tochter, die sich Hans Pfannes so sehr gewünscht hatte, kam zur Welt, als ihr Vater bereits am zweiten Kriegstag gefallen war.
Andreas Goldstein
Andreas Goldstein (Jahrgang 1919) war übrigens der Bruder von Karolina Ankenbrand. Der frühere Dingolshäuser Brauereibesitzer Erwin Th. Hümmer erinnert sich noch lebhaft daran, mit dem Rotschopf 1938 in der Nordbayerischen Jugendauswahl gegen Württemberg gestanden zu haben. Das Spiel in Kitzingen konnte mit 1:0 gewonnen werden. Andreas Goldstein sollte erst Jahre nach Kriegsende aus russischer Gefangenschaft in Sibirien nach Hause zurückkehren. In der FC-Chronik ist er noch unter den Gefallenen und Vermissten aufgeführt, so spät kam er erst zurück. Er heiratete später nach Gädheim, wo er auch relativ früh starb.
Im Gegensatz zu Goldstein und anderen kehrten wie Hans Pfannes vier weitere Mitspieler nicht mehr in die Heimat zurück. Es waren:
Adolf Schmitt
Adolf Schmitt (Jahrgang 1915) stammte aus Retzstadt bei Würzburg und war als Praktikant ins BayWa-Lagerhaus nach Gerolzhofen gekommen. Hier wurde er im Außendienst eingesetzt, wie uns sein damaliger Arbeitskollege Leo Bühl (Karbach bei Rauhenebrach) informierte. Schmitt wohnte in dieser Zeit im Haus der Schreinerei von Edmund Hacker in der Marktstraße. Er fiel am 12. Mai 1940 in Longwy in Belgien im „Dreiländereck“ Frankreich-Belgien-Luxemburg, wo er auch begraben ist. Diese Informationen verdanken wir dem Webmaster der Homepage-Seite www.retzstadt.de, Reinhold Meurer.
Michael Rothmund
Michael Rothmund (Jahrgang 1912) wohnte nach Angaben von Erwin Kühl in der Bleichstraße im Anwesen Finster gegenüber von der Gärtnerei Krais, also unmittelbar am Fußballplatz am „Säusee“ (heute steht hier das Hallenbad) und fiel am 11. Juni 1942 in Russland. Der FC-Archivar kann sich übrigens noch gut an das Spiel in Iphofen erinnern, bei dem das Foto aus dem Besitz von Arno Göttler gemacht wurde. Damals war es üblich, dass die Jugendspieler des FC Gerolzhofen, wie er einer war, die 1. Mannschaft bei ihren Spielen begleiteten und unterstützten.
Kurt Herrmann
Kurt „Kurtla“ Herrmann (Jahrgang 1919): Er ist im letzten Kriegsjahr, 1945, gefallen, wie uns sein Cousin, Franz Knauer, bestätigte. Der hochtalentierte Spieler wohnte im „Acher Haus“.
Franz Oppelt
Franz Oppelt (Jahrgang 1921): Er war in der Wethstraße zuhause und starb am 19. Oktober 1943 im Lazarett in Russland, so ebenfalls Franz Knauer. Er war ein Schulkamerad von Oppelt. Erwin Kühl beschreibt ihn als ganz hervorragenden Mittelläufer.
Andreas Radler
Als Kriegsversehrter – es musste ihm ein Bein amputiert werden – kehrte Andreas Radler (Jahrgang 1922) aus dem Krieg nachhause.
Erwin Th. Hümmer: „Er war der schnellste Linksaußen, den wir je hatten, bei dem die Post abging. Groß und schlank mit langen Beinen und einem Kanonenschuss und immer lächelnd“. Sein Spitzname „Schlot“ passte übrigens sowohl zu seiner Größe als auch zu seinem Beruf, denn er war Schlotfeger.
Der „Andi“ und „Schlot“ war es übrigens, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die nach und nach heimkehrenden Fußballer um sich scharte und dafür sorgte, dass trotz der bestehenden Militärregierungs-Verbote der Spielbetrieb wieder allmählich aufgenommen werden konnte und der Fußball nach Gerolzhofen zurückkehrte.
Andreas Radler – er war inzwischen zum Stadtkämmerer und Stadtoberamtsrat aufgestiegen – hatte jahrelang vor allem als Spielausschussvorsitzender des FC Gerolzhofen fungiert. Der plötzliche Tod des Ehrenmitglieds am 15. Mai 1980 riss eine tiefe Lücke in die FC-Reihen.
Richard „Ischga“ Rosentritt
Zeitlebens ein Fußballverrückter und in seiner aktiven Zeit buchstäblich ein gefürchteter Abwehr-Riese war Richard Rosentritt. Er wohnte in der Grabenstraße unterhalb der Post in den sogenannten „Beamtenhäusern“, wie Ferdinand Ullrich zu berichten wusste. Der „Ischga“ – Jahrgang 1920 – kam durch seine Heirat nach Zeuzleben, wo er sich später auch als Vorsitzender des Sportvereins für den Fußball einsetzte, bei den Schiedsrichtern gefürchtet war und noch so manches Freundschaftsspiel mit dem FC Gerolzhofen vereinbarte. Seine Tochter Anita Reuß (Zeuzleben): „Sein ganzes Leben hat aus Fußball bestanden!“ Richard Rosentritt starb 1987.
Georg „Schoppes“ Krapf
In ganz Unterfranken ein Begriff war wegen seines Könnens, aber auch wegen seiner Funktion als „Spaßmacher“ Torwart Georg Krapf. Er war der Sepp Maier der damaligen Zeit, begeisterte wie dieser später als Imitator von Karl Valentin. Der „Schoppes“, so Erwin Kühl, war ein richtiger „Gummimann“ zwischen den Pfosten, sprich er flog wie der Teufel. Seine Gesprächspartner versuchte er stets mit der Frage „Was kostet ein 10-Pfennigs-Brötchen“ zu verwirren. Der „Schorsch“ zog später nach Schweinfurt, wo er auch gestorben ist.
Josef „Bubi“ Stephan
Ein bekanntes Gesicht in Gerolzhofen war Josef Stephan. Allerdings ist den meisten weniger sein Vorname, sondern mehr sein Spitzname gegenwärtig. Der „Stephans Bubi“ und Hans Gegner junior waren die zwei einzigen Spieler aus der Meister-Elf von 1939, die auch nach dem Krieg noch das FC-Trikot überstreiften. Josef Stephan – er war im Landratsamt Gerolzhofen für die Gemeindeverwaltungen zuständig – hatte auch maßgeblich zum Wiederaufbau des Vereins nach dem Krieg beigetragen, betont Erwin Kühl. Der Amtsrat errichtete in den 60-er Jahren ein Eigenheim im Rot-Kreuz-Weg, starb allerdings bereits im Alter von Mitte 50.
Hans Gegner junior
Der elfte Spieler im Bunde war der bereits erwähnte Hans Gegner junior. Er war der „Kopf“ der ersten Mannschaften nach dem Krieg. 1950 übernahm er auch das Training der FC-Elf. Der Fabrikarbeiter (Jahrgang 1920) war übrigens einer der ersten Lotto-Millionäre im hiesigen Raum. Er starb 1988. Hans Gegner steht auf dem Bild von 1938 neben seinem Vater.
Hans Gegner senior
Hans Gegner senior war ein Mann der ersten Stunde beim FC Gerolzhofen und übernahm bereits in den 20-er Jahren Verantwortung als Kassier. Er sorgte immer wieder mit dafür, dass der Fußball in Gerolzhofen nicht unterging. Das Ehrenmitglied wohnte in der Schallfelder Straße und vertrat die Vereinsfarben nach seiner aktiven Zeit lange als Schiedsrichter.
Georg „Schorsch“ Tetzlaff
Georg Tetzlaff war für die Fußballer und den FC das, was man heute als Hauptsponsor bezeichnen würde. Er betrieb schräg gegenüber vom Café Schoué (hier befindet sich heute das Modegeschäft „Primavista“), später in einem Nebenbau der „Schwane“ am Eingang zur Entengasse, ein Feinkost- und Lebensmittelgeschäft der Kette „Thams und Garfs“. Der „Schorsch“ versorgte die Fußballer des FC immer wieder mit Verpflegung aus seinem Laden. Das Hinterzimmer des Geschäfts, so der Hinweis von Erwin Hümmer, war damals der Treffpunkt der Spieler. Georg Tetzlaff zog später nach Bad Kissingen, wo er ebenfalls eine Filiale für „Thams und Garfs“ übernahm.
Hans Fromm
Der letzte im Bunde der Funktionäre in jenen unruhigen Tagen war und ist Hans Fromm. Er war Prokurist in einem Schweinfurter Betrieb und wohnte im Gebäude der Wagnerei Eben in der Grabenstraße, also ganz in der Nähe von „Ischga“ Rosentritt. Fromm war durch Georg Tetzlaff zum FC gekommen. Er kümmerte sich um die organisatorische Arbeit und die Finanzen. Er war es wesentlich, der den Verein vor dem Krieg immer wieder „über die Klippen hievte“ (Erwin Kühl).
FC GEO – SV Frankenwinheim: Das ewig alte Derby
Altbürgermeister Josef Kunzmann aus Frankenwinheim fiel in diesem Zusammenhang ein, dass er 1938 just gegen jene Gerolzhöfer Mannschaft sein erstes Spiel im Dress des SVF bestritten hat. Es war am Buß- und Bettag. Die ersten Fußballschuhe kaufte sich Kunzmann hierzu im Lebensmittel- und Sportgeschäft von Adolf Bauer in Gerolzhofen.
Wertvolle Hinweise bei der Identifizierung der Spieler und Funktionäre als auch bei der Rekonstruktion der Ereignisse und der einzelnen Schicksale verdanken wir Erwin Kühl (Michelau), Anita Reuß (Zeuzleben), Leo Bühl (Karbach), Erwin Th. Hümmer (Geroda), Arno Göttler (Schwebheim), Reinhold Meurer (Retzstadt), Josef Kunzmann (Frankenwinheim), Karolina Maria Ankenbrand, Ferdinand Ullrich und Franz Knauer (alle Gerolzhofen). Vielen herzlichen Dank dafür. Für Text und Recherchen zeichnet Norbert Vollmann verantwortlich.
Hinweis: Alle Rechte beim Autor. Abdruck und Weiterverwertung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verfassers.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

^