1950: Die „Urus“ in der Stadt

 


Heute nicht mehr vorstellbar: Über 2000 Zuschauer wohnten dem 1950 vom FC Gerolzhofen am Faschingsdienstag initiierten Spektakel mit dem Spiel der „Young Fellowboys Uruguay“ gegen eine Stadtauswahl bei. Unter Riesenjubel waren die mit dem Zug eingetroffenen Spieler am Bahnhof abgeholt und über den Marktplatz (Foto) zum Fußballplatz am „Säusee“ geleitet worden.
1950  Die „Urus“ in der Stadt

Es war das Ereignis des Jahres mit Zuschauerzahlen, die heute nicht mehr vorstellbar sind. Die Rede ist von dem Faschingsspektakel, das der FC Gerolzhofen am Faschingsdienstag 1950 auf die Bühne stellte und das sich sage und schreibe 2000 Menschen nicht entgehen lassen wollten.
In Europa war gerade der Zweite Weltkrieg vorüber, ein halber Kontinent lag mehr oder weniger noch in Trümmern, und den Menschen in Gerolzhofen war nicht viel geblieben.

Es gab noch kein Fernsehen
Das Fernsehen in Deutschland erlebte seinen Start zum Massenmedium erst zwei Jahre später am 1. Weihnachtstag 1952 mit ganzen 4000 Fernsehgeräten zum damals stattlichen Preis von rund 1000 DM. Eigeninitiative war deshalb im Land angesagt.
Das als „Schlager der Saison“ angekündigte Spiel der „Young Fellowboys“ (Uruguay) gegen die Stadtelf Gerolzhofen hielt, was es den Besuchern versprach und war mehr als nur ein närrisches Fußballspiel.
Der Hintergrund: Uruguay war seinerzeit eine der führenden Fußballnationen auf der Welt und wurde einige Monate später bei der WM vom 25. Juni bis 16. Juli 1950 in Brasilien auch zum zweiten Mal Weltmeister.
In der FC-Chronik ist über die damalige Faschingsgaudi vermerkt: „Mit einem Begeisterungssturm sondergleichen empfing die Stadtgemeinde Gerolzhofen ihre ersten internationalen Gäste aus Uruguay um 13.50 Uhr am Hauptbahnhof. Jubel brauste auf, als die elf schwarzhaarigen, drahtigen Athleten, nur mir ihren heimischen Strohschürzen bekleidet, den Schlafwagen des Orient-Expresses verließen“.

Hierzu muss man wissen, dass die Spieler zu diesem Zweck in Alitzheim in den Bummelzug ein- und in Gerolzhofen wieder ausgestiegen waren, wie sich FC-Archivar Erwin Kühl noch lebhaft erinnert.
Zu der vor allem vom bereits verstorbenen Oswald Klebrig organisierten Faschingsgaudi gehörten auch Festwagen und Fußgruppen wie etwa die der Damen-Nationalelf, womit Gerolzhofen der damaligen Zeit auf närrische Art und Weise schon weit voraus war.

Bei der Namensgebung der „Young Fellowboys“ dürften wohl die seinerzeit international bekannten „Young Fellows Zürich“ Pate gestanden haben.

Weiter ist dem Eintrag in der FC-Chronik zu entnehmen: „Nach der Begrüßung durch den leider nicht anwesenden Bürgermeister der Stadt zogen die Urus in einem wahren Triumphzug durch die Straßen zum Sportplatz. Dort zogen die reinen Naturmenschen aus Übersee vor einer viel tausendköpfigen Menge alle Register ihres Könnens, das sich streckenweise zu einem wahren Feuerwerk steigerte, was auch der Halbzeitstand (20:1) deutlich ausdrückte“.
Zur Erläuterung: Menschen und Wagen waren vom Bahnhof über den Marktplatz, wo sich die Menschen regelrecht ballten, hinaus zum Sportplatz am „Säusee“ an der Dingolshäuser Straße (hier steht heute das Hallenbad) gezogen.
Von hier aus lief dann auch die Stadtelf ein, während die „Urus“ den Weg von der Steigerwaldstraße her über die Seufzerbrücke nahmen. Die hieß in Anlehnung an den damaligen Stadbaumeister Lawat, der sie angesichts der Hochwassergefahr als hoch über den Bach gewölbte Konstruktion geplant hatte, seinerzeit im Volksmund „Lawatowa-Brücke“.
Abschließend wird berichtet: „Doch dass auch nicht gut Kirschen essen war mit den Urwaldmenschen, mussten einige einheimische Spieler am eigenen Leib verspüren. Einige fanden sich plötzlich an den Torpfosten gebunden, ein anderer flog im hohen Bogen in die Zuschauermengen, ja der Schiri wurde sogar gewaltsam auf einen Baum verbannt. Kurz _ ein Spiel mit viel Abwechslung.

Der nicht bereit stehende Express
Nach Spielende zogen die ’schwarzen Boys‘ wieder zum Bahnhof, wo sie in den nicht bereitstehenden Express stiegen und wieder in den blauen Dunst verschwanden“.
Am Schluss endete das Spiel übrigens mit 21:17 für die „Young Fellowboys“.

Wir danken besonders Erwin Kühl für die Informationen und Betty Turbeis sowie Franz Weinig für die Überlassung der Bilder.
Für Text und Recherchen sowie die Bild-Reproduktionen zeichnet Norbert Vollmann verantwortlich. Alle Rechte beim Autor


Bei dem vom FC Gerolzhofen am Faschingsdienstag initiierten Spektakel traten die „Young Fellowboys aus Uruguay“ gegen eine Stadtelf auf dem Fußballplatz an der Dingolshäuser Staße an. Das Spiel endete 21:17 (Halbzeit: 20:1) für die „Urus“. Im Bild: Die beiden Mannschaften.

Die Spieler in Damenbegleitung auf dem Weg zu ihrem „großen“ Spiel.
Sogar eine Damen-Nationalmannschaft war bei dem vom FC GEO am Faschingsdienstag 1950 initiierten Spiel der „Young Fellowboys Uruguay“ gegen eine Gerolzhöfer Stadtelf mit von der närrischen Partie.

 


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